Montag, 19. Juli 2010, 14:54
ein Beitrag von Anna Schlee, Agnes Gabriel und Helen Faber
Catalina wird 1968 in Kolumbien in eine Großfamilie hineingeboren und wächst dort in einer mittelschichtigen sozialen Lage und unter den bestehenden Bedingungen von Bürgerkrieg und korrupter Regierung auf. Der Kampf von Paramilitärs gegen Guerilla-Gruppen, die damit verbundenen Anschläge und Morde, beschreibt sie für ihre Kindheit und Jugend als Normalzustand, die zu ihrem unbeschwerten Aufwachsen dazu gehörten.
Eindrucksvoll schildert sie die ständige Bedrohung von Gewalt und die dadurch verursachte Angst, die nach wie vor als konstante Bedrohung in ihrem Hinterkopf vorhanden ist und die sie nur schwer verarbeiten kann:
„Es kommt alles hoch. Jetzt kann ich darüber reden. Früher konnte ich das nicht. Ich habe immer geredet, ich habe viel geweint. Jetzt gerade merke ich, dass mein Herz schneller wird, aber das ist normal, das ist einfach etwas Hartes.“
Mit Entsetzen und fortwährender Unfassbarkeit über die Verhältnisse in ihrem Heimatland wendet sie sich in ihrer Erzählung den gesellschaftlichen Dingen zu. Denn
mit der Befürwortung der Grund- und Menschenrechte, wie zum Beispiel das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit und körperliche Unversehrtheit, bewegt sich ihre Familie in einem für die Staatsmacht zu linken Spektrum:
„Was hier in Deutschland eigentlich normal ist, wird bei uns als links eingestuft: Gerechtigkeit zu wollen, wenn du denkst alle Menschen müssen gleich Rechte haben, alle dürfen zur Schule gehen und studieren. Und es ist gefährlich sich in dieser Richtung zu äußern oder aktivistisch zu sein.“
Ihre Familie ist letztendlich tatsächlich in Gefahr, sodass mehrere Verwandte Kolumbien verlassen. 1994 reist Catalina mit ihrem Freund, den sie wenig später heiratet, nach Deutschland aus und beginnt zu studieren. Gemeinsam haben sie eine Tochter. Als die Ehe beendet wird, ist sie mit ihrer Tochter auf sich alleine gestellt. Es folgen mehrere Jahre, in denen sie sehr viel arbeitet und ihren Fokus auf das nackte Überleben richtet. Als sie von einem totalen „Burn-Out“ sechs Wochen an das Bett gebunden ist, beschließt sie ihr Leben zu ändern. Nach dieser Lebensphase fühlt sie sich nun wie ein neuer Mensch:
„Jetzt bin ich gerade wie eine Pubertierende. Ich könnte alles wegwerfen. Es ist als würde ich aufwachen nach einer harten Zeit und sehen was wichtig ist. Ich habe vier Jobs gehabt: in der Küche gearbeitet, geputzt, spanisch unterrichtet und auf Kinder aufgepasst. Ich war nur am Rennen zum Überleben.“
Jetzt lebt sie als freischaffende Künstlerin, malt und fertigt Skulpturen an. In ihren Bildern verarbeitet sie einige Kriegserfahrungen, unter anderem den Verlust ihrer beiden Brüder, die aus politischen Gründen nach der Ausweisung nach Kolumbien ermordet wurden. Als sie detailliert von dem Mord des ersten Bruders erzählt, der aufgrund seiner Tätigkeiten bei der Guerilla umgebracht wurde, schwingt Verbitterung in ihrer Stimme mit:
„Meinen ersten Bruder haben sie mit neun Schüssen ermordet, nein, es reicht nicht einer (…)“ „Er war in der Telefonzelle und hat telefoniert. Dann hat er gemerkt [dass er beobachtet oder bedroht wurde] und ist los gerannt. Der Mann hat ihn ins Bein geschossen. Dann ist er gefallen. Der Mann kam und hat ihn in den Kopf geschossen. Acht Schüsse in den Kopf.“
Ihr zweiter Bruder flüchtete nach Deutschland, allein aufgrund der Tatsache, dass der erste Bruder ermordet wurde. Dadurch, dass ein Mitglied der Familie gegen die Regierung gearbeitet hatte und entdeckt wurde, schwebte die ganze Familie und schweben insbesondere die männlichen Mitglieder in Gefahr. Da er sich aber nach kurzer Zeit nach Kolumbien zurück sehnte, beschloss er das Risiko einzugehen, denn er hatte sich durch kein Verhalten auffällig gezeigt. Er kehrte also zurück und gründete eine Familie, baute ein Haus auf dem Land und verbrachte drei friedliche Jahre. Bis eines Tages plötzlich bei einem Fußballspiel Paramilitärs auftauchten und ihn aus heiterem Himmel vor den Augen seiner Familie und Freunde erschossen. An dieses Ereignis erinnert Catalin sich mit Schrecken:
„Ich dachte ich sterbe. Da kam ein Schrei, ich weiß nicht woher, von ganz tief in mir, fast wie eine Geburt. Ich habe geschrien! Und dann fängst du an zu fluchen: Verdammt, was wollen sie? was soll das?(…)“ „Du hast Angst um deine ganze Familie! Der zweite Bruder! Du denkst, deine ganze Familie verschwindet jetzt.“
Bei der Beerdigung bekommt einer ihrer Brüder einen Anruf eines alten Schulfreundes aus seiner Kindheit. Die Paramilitärs würden in die Kirche kommen und alle männlichen Familienmitglieder auslöschen. Daraufhin fliehen und verstecken sich alle Männer der Familie und tatsächlich fahren wenig später die Paramilitärs mit Panzern vor und dringen während der Beerdigung in die Kirche ein. Eine für sie großartige Unterstützung erlebt Catalins Familie durch die Freunde und Bekannte der Familie, die sich allesamt in der Kirche einfinden, trotz der drohenden Gefahr. Mit großem Respekt und Liebe spricht Catalin auch von der Reaktion ihrer Mutter:
„Meine Mutter (...) sagte mir am Ende, dass es schon heftig gewesen wäre, aber als sie das gehört habe [dass die Männer der Familie während der Beerdigung des Bruders hätten ermordet werden sollen], habe sie so eine Kraft gefühlt, nach dem Motto: 'Jetzt gucken wir mal wer hier stark ist'. Sie ist eine unglaubliche Frau.“
Als alles vorbei ist flüchtet Catalins jüngster Bruder nach Deutschland und arbeitet ein Jahr als Aupair. Danach muss er viele Jahre im Asylheim verbringen:
„Mein jüngster Bruder hat dann Asyl beantragt. Er war in Eisenhüttenstadt, es ist dort so schrecklich. Ich dachte, wie können Menschen in so einem Ort leben, es war schmutzig und furchtbar. Mein jüngster Bruder hat es am schlimmsten gehabt, weil er jahrelang dort war. Jahrelang. Ich glaube er war sechs Jahre in diesem Asylprozess, und er durfte nichts. Er war damals sehr jung, ungefähr 22/23. Wenn du Asylbewerber bist, kannst du nichts tun. Du kannst nicht arbeiten, kannst keine Kurse machen, nicht studieren, kein deutsch lernen.
Das Schlimmste war der andere Kolumbianer, mit dem er sich ein Zimmer teilte, der war ein Paramilitär. Mein Bruder war ständig krank. Sie hatten beide panische Angst. Wenn einer sich umdrehte, war der andere sofort da! Sie sind Feinde und keiner erzählte dem anderen etwas. Sie waren beide in Gefahr, warum sonst bist du im Ausland, warum sonst beantragst du Asyl?“
Ihr Bruder sprach kein Wort mit besagtem Mitgefangenen und erfuhr so auch nicht, warum dieser ebenfalls Asyl beantragt hatte.
Nach vielen Versuchen schafft Cathalin es schließlich ihren Bruder zu sich zu holen, zumindest für eine Weile. Sie erinnert sich gut an seinen katastrophalen seelischen und psychischen Zustand, der auch noch heute sehr kritisch ist. Catalin selbst hat eine dreijährige Therapie hinter sich und ist sich darüber bewusst wie lebensnotwendig dieser Prozess des Verarbeitens für sie war und ist. Ihre persönliche Verarbeitung findet zu einem großen Teil in ihrer künstlerischen Betätigung statt. In unserem nächsten Blog-Eintrag werden Sie einige Bilder zu sehen bekommen und ihre Geschichten kennen lernen.
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